Leseprobe:

63

Je näher er kam, umso größer wurde die

Insel. Die Sonne trat ein wenig aus den

Wolken hervor, und Tom betrat den

warmen Dünensand. Als er sich umsah,

schwand seine Hoffnung, jemanden auf

dieser Insel zu treffen, der ihm helfen

konnte. Wahrscheinlich gab es hier auch

kein Telefon. Die Insel schien unbewohnt

zu sein.

Tom blickte auf Dünen, Sträucher,

Wiesen, und nachdem er eine Weile

gegangen war, entdeckte er, nachdem er

einen großen Strauch passiert hatte, ein

einfaches, schlichtes Häuschen, das auf

einem hohen Pfahlsockel stand.

Das Wort „Telefon“ schoss sogleich

wieder durch seinen Kopf. Vielleicht hatte

er nun doch die Möglichkeit, hier einen

Menschen zu treffen, der ihm helfen

würde. Ein plötzlicher Energieschub ließ

ihn auf das Häuschen zu rennen. Er kam

sich vor, wie der Wüstenläufer, der eine

Oase vor sich sieht und diese erreichen

will.

64

Doch als er das Häuschen erreicht hatte,

musste er enttäuscht feststellen, dass es

offensichtlich unbewohnt war. Die Tür

fand er verschlossen. Dann klopfte er an

die Tür und lauschte. Kein Laut drang

durch die beinahe gespenstische Stille.

Langsam ging Tom um die Hütte herum

und bemerkte einen Schlüssel, der an

einem Balken, der an linken Hauswand

angebracht war, hing. „Hey, vielleicht

passt der Schlüssel ja, und ich kann im

Haus telefonieren!“ sagte Tom zu sich

selbst.

Er war es zwar nicht gewohnt in fremde

Häuser einzudringen, doch wie

selbstverständlich nahm er den Schlüssel

an sich. In seinem Fall handelte es sich

schließlich um einen Notfall, denn er

musste unbedingt per Telefon Hilfe holen,

damit man seinen Freund aus dem Watt

befreien konnte. Und Tom dachte, dass

auch er ganz gern wieder mit beiden

Beinen auf dem Festland stehen würde.

Dort würde er einen ganzen Liter

Mineralwasser auf Ex trinken, so trocken

65

war ihm sein Mund, und so sehr quälte ihn

der Durst.

Im Watt war überall Wasser um ihn herum

gewesen, doch es war salzig und zum

Trinken ungenießbar.

Tom hatte Halsschmerzen und musste

schlucken. Plötzlich fielen ihm die

Horrorfilme ein, die er schon mal mit

seinen Freunden gesehen hatte. Dort war

auch oft jemand allein und einsam in der

Einöde dem Ungewissen ausgeliefert, was

meistens schlecht ausging.

Auch Tom wusste nicht, was ihn in dieser

Hütte erwartete. Deshalb steckte er den

Schlüssel nicht gleich ins Schloss, sondern

lief erstmal in eine Düne, von der aus er

das kleine Haus beobachten wollte. Was

wäre, wenn er dort auf Jemanden treffen

würde, der böse sei. Dann wäre er ganz mit

ihm allein. Was für eine schreckliche

Vorstellung!

Seine Angst, sein Gewissen und sein Mut

rangen miteinander. Tom dachte an seinen

Freund, und plötzlich war ihm klar, dass

66

Scheu und Angst hier und jetzt nicht

angebracht waren. Sie halfen ihm nicht

weiter. Er musste es einfach riskieren.

Tom ging, nun entschlossen, auf die Hütte

zu, steckte den Schlüssel in das Schloss

und freute sich, dass er passte. Schwupps!

Knarrend öffnete sich die Tür.

Innen wirkte die Hütte gemütlicher als sie

es von außen hatte vermuten lassen. Tom

trat in einen vollständig eingerichteten

Raum, der nicht bewohnt zu sein schien.

An der Wand stand ein Bett. Daneben ein

fast leerer Kleiderschrank. Darin lagen nur

ein paar Decken, Kopfkissen, Strandlaken

und zusammengelegte saubere Bettwäsche.

Es gab einen Tisch, Stühle, eine Couch,

zwei Sessel und eine Stehlampe. An der

Wand hing ein staubiger Spiegel. In einer

kleinen Nische befand sich ein Regal mit

Geschirr, zwei kleinen Kochtöpfen, einer

Bratpfanne und mehreren geschlossenen

Konservendosen.